Asli Cavusoglu: Twin Peaks
Asli Cavusoglu arbeitet auf sehr vielfältige Weise und mit ganz unterschiedlichen Medien. Ihr durchgängiges Thema ist dabei die Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen vorgefundener „Natur“ und Inszenierung. Häufig sind ihre Interventionen in die Realität des Alltags betont schlicht, fast lapidar, und trotzdem – oder gerade deshalb – hintergründig und humorvoll. Ihr Vorschlag, den Hügel in Georgswerder, immerhin Europas größte Sondermülldeponie, mit zwei künstlichen Bergen zu überformen, setzt zunächst auf Fernwirkung: Hamburg-Unkundige mögen die Erscheinung der Bergformation am Horizont für kurze Zeit als bizarre, aber natürlich entstandene Landschaft wahrnehmen. Je näher man kommt, desto klarer ist, dass dieser Eindruck täuscht: Bei den Bergen handelt es sich um grasgrüne, aufgeblasene PVC-Skulpturen, hergestellt von einem Hüpfburg-Produzenten. Wer das erkennt, ist geneigt, diese Erscheinung als künstlich zu empfinden und den aus Haus- und Sondermüll entstandenen Deponieberg dagegen als natürlich, als „echt“. Aber was heißt schon echt? Die Ausrichtung der Hügel ist so gewählt, dass im September die Sonne bilderbuchartig zwischen ihnen versinkt. Der reale Sonnenuntergang wird zum Teil eines inszenierten Landschaftspanoramas. Die angelegte Doppel- und Mehrdeutigkeit setzt sich bis in die Wahl des Titels fort, der ein medial geschultes Publikum zuallererst an David Lynchs skurrile Fernsehserie denken lässt, übersetzt jedoch lediglich „Zwillings-Hügel“ bedeutet.
Cavusoglus „Twin Peaks“ stehen in der Tradition von Landart und Popkultur. Sie sind die bislang aufwendigste, realisierte Installation der 1982 in Istanbul geborenen Künstlerin, die sich neben ihren Entwürfen zu stadtlandschaftlichen „Fake“-Inszenierungen wie den „Twin Peaks“ oder „skyscraper“, ein Vorschlag für ein komplett entkerntes Glashochhaus, das in einer bestehenden Siedlung gebaut werden soll, vor allem als Autorin von Künstlerbüchern einen Namen gemacht hat. Die Auseinandersetzung mit Fiktion und Realität prägt die betont unprätentiös wirkenden Bücher auf Ebene des Textes genauso wie auf Gestaltungsebene. Existierende Textfragmente werden mit eigenen Texten vermischt. Das Seitenlayout zitiert bekannte Genres, etwa die eines privaten Notizbuchs oder eines psychologischen Schnelltests, und überführt den Leser auf diese Weise im Moment des Lesens und Buchbetrachtens in eine jeweils neue Wahrnehmungssituation gegenüber der Realität des Textes bzw. der des Buches als ästhetisch gestaltetes Objekt.
Asli Cavusoglu
geb. 1982 in Istanbul, lebt und arbeitet in Istanbul
bis 2004 Studium Marama Universität Istanbul
2006 Stipendium Platform Garanti, Backyard Residency Program (Rumänien)
http://asli-cavusoglu.blogspot.com/

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