Thorsten Passfeld: Kirche des guten Willens – Wie kann man ein besserer Mensch sein?
Rund 600 Stunden Arbeit im mal verregneten, mal brütend heißen Hamburger Sommer bedeutete der Bau dieser temporären Bühne für den gelernten Kulissenbauer, Philosophen und freien Künstler Thorsten Passfeld. Komplett aus Altholz angefertigt, abgesehen von ein paar Einheiten, die der Statik Rechnung tragen, zeigt der von ihm im Alleingang geschaffene Raum auf 130 m2 und gut 5 Metern Höhe die Chancen und Schönheiten dieser zivilisatorischen Müllstücke, zusammengesucht bei Abrissunternehmen, aus Containern und von Baustellen der Umgebung. Nicht das Kunstwerk, sondern der Prozess des Bauens, die Interaktion mit den Zaungästen und das Geschehen im fertigen Objekt sind der Schwerpunkt. Drei Wochen steht die Bühne mitten von Wilhelmsburg beim Ernst-August-Kanal für ein dichtes und abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm entlang der Fragestellung: Wie kann man ein besserer Mensch sein? zur Verfügung.
Passfelds unter geradezu martialischem Einsatz entstehende Häuser verkörpern bildhaft Ursprung und Eigengesetzlichkeit von Kunstproduktion überhaupt. Sie wecken Kindheits-erinnerungen an gebaute Verstecke und Baumhäuser, die ja auch Rückzugsorte aus der Welt der Erwachsenen oder der der anderen Kinder sind. Gleichzeitig schlägt die Perfektion der dekorativen Elemente eine Brücke zum Kleingarten-Idyll, gewissermaßen dem erwachsenen Pendant des sich eine eigene Welt Bastelns. Das Archaische ist genauso Teil der Arbeit wie das domestizierte kreative Potential. Der manische Akt des Bauens, die absolute Liebe zum Detail, überführt die Häuser schließlich aus dem Dunstkreis von Budenbau und Baumarkt in die Logik einer Kunstproduktion, in der Maßstäbe wie Zweckrationalität und Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht an erster Stelle stehen. Die Kraft für die Realisierung dieser Skulpturen hat deutlich sichtbar ein anderes Zentrum.
Thorsten Passfeld
geb. 1975 in Dinslaken, lebt und arbeitet in Hamburg
Musiker, Autor, Bühnenbildner und bildender Künstler
seit 2002 Bau und Bespielung verschiedener Häuser im öffentlichen Raum, u. a. „Hoftheater Vier Linden“, (realisiert auf Einladung von Tom Stromberg in St. Georg 2004) und „Zum falschen Freund“ (Kunstverein Buchholz; Baltic Raw Tower, Hafencity 2006)
 Foto: Babette Brandenburg
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